Joshua Dean


Part 1 – Freunde

 

„YEAH! Zugabe! Zugabe! Zugabe!“

Das Publikum in dem kleinen Club war hellauf begeistert. Der Sänger der heutigen Live Band, Slowmotion Daylight, lächelte scheu in die Runde. Er war ein schlanker Mann, der komplett schwarz gekleidet war; eine eher unscheinbare Gestalt. Er sah sich um. Seine hellblauen Augen leuchteten unter seinem kurzen, braunen Haar.

 

„Siehst du? Er ist schwul.“

Ein Kerl im Publikum sah seinen deutlich größeren Begleiter herausfordernd an. Beide Männer hatten ebenfalls schwarze Sachen an, und der Größere von beiden zündete sich in diesem Moment eine Zigarette an. Er schüttelte den Kopf.

„Nie und nimmer.  Der ist straight. Ganz sicher.“

Der Kleinere nahm einen Schluck Bier, ehe er sich auch eine Zigarette anzündete. „M-hm. Er ist definitiv vom anderen Ufer. Ein warmer Bruder... ne Schwuchtel.“

„Wieso darfst du eigentlich 'Schwuchtel' sagen und ich nicht?“, wollte der größere Typ wissen. Sein Freund lachte auf.

„Weil ich eine Schwuchtel bin, Johnny-Boy, und du nicht!“

Beide Männer lachten und hörten sich den nächsten Song an. Es war eine Cover-Version von I Wish You Heaven, aber diese Version bestand nur aus einer Stimme und einem Piano. Die Band hatte das Lied auf das Wesentliche reduziert und aus Prince´ blumig-fröhlichem Song eine richtige Liebesballade gemacht. Der kleine Mann im Publikum erstarrte. Ein sehr kleines, zärtliches Lächeln wand sich um seine vollen Lippen. Sein Freund, der dies sah, berührte ihn an der Schulter.

„Bist du in Ordnung, Kleiner?“

Johnny sah den seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes. Er wusste, was er bedeutete, und ihm schwante nichts Gutes. „Du wirst das nicht tun.“

Der Kleinere hob bloß seine Augenbrauen und lächelte. Als der Song vorüber war und das Publikum noch immer applaudierte, drückte er seine Zigarette aus, leerte sein Glas und ging auf die Bühne zu.

„Sweetie, nein, du kannst doch nicht einfach...“

Aber der junge Mann hörte nicht mehr, was er angeblich nicht tun konnte. Er sah zu, wie die Musiker die Bühne verließen, und ging zu dem Sänger.

„Hi“, sagte er leichthin, „Ich bin Patrick. Darf ich dir etwas ausgeben?“

Der Sänger sah auf und geradewegs in tiefgrüne Augen, die von dunklen Wimpern umrahmt waren. Neugierig sah er den Fremden genauer an. Er war relativ zierlich für einen Mann, aber dennoch sehr attraktiv. Sein dunkelbraunes Haar war kurz, und er trug einen silbernen Ohrring im linken Ohr. Seine rechte Augenbraue war gepierct. Dem Sänger fiel auf, dass die Lippen des Fremden sündig schimmerten. Er schluckte trocken und zuckte mit den Schultern, als ihm wieder einfiel, was der junge Mann gefragt hatte.

„Na sicher, wieso nicht?“

Patrick geleitete den Sänger zur Bar und bestellte sich selbst ein Bier.

„Und für meinen Begleiter hier...“

„Kaffee bitte. Mein Name ist übrigens Adrian.“

Patrick lächelte. „Nett, dich kennen zu lernen, Adrian.“

Er sah, wie sein Freund Johnny einige Meter von ihnen entfernt die Augen verdrehte, aber es kümmerte ihn nicht. Er wandte sich wieder Adrian zu.

„Du warst brillant da oben auf der Bühne, gratuliere.“

Der Sänger schien sich über das Kompliment zu freuen. „Findest du?“

„Oh ja“, versicherte Patrick, „ich habe ganz selten einen Sänger wie dich gehört. Du könntest mit dieser Stimme bestimmt ein Vermögen machen.“

Adrian lachte und trank von seinem Kaffee. „Ach nee, ich glaube nicht, dass mich das glücklich machen würde. Ich mache das nur zum Spaß, weißt du.“

„Und was machst du, wenn du nicht gerade unschuldige Leute verzauberst?“

Adrian lachte erneut. Das fing an, Spaß zu machen.

„Ich bin Vorschullehrer. Also eigentlich Erzieher.“

„Nein! Wirklich?“

„Ja, wirklich. Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten. Sie sind, nun ja... ehrlich.“

Patrick lächelte, und dieses Lächeln verfehlte seine Wirkung nicht. Johnny, der die beiden beobachtete, wusste, dass sein Freund nun seine eigene kleine Show abzog.

„Okay“, sagte Patrick schließlich, „das ist ziemlich beeindruckend. Kinder können ein Greul sein.“

„Manchmal schon“, stimmte Adrian zu, „aber eben nicht immer. Meistens sind sie echt nett.“ Er sah Patrick intensiv an. „Womit verdienst du dir denn deinen Lebensunterhalt?“

„Oh“, sagte Patrick und grinste. „Mit diesem und jenem, ein bisschen von allem. Ich studiere, weißt du.“

„Welches Fach?“

Patrick setzte sich auf und grinste noch breiter. „Ich habe mit Literatur angefangen. Mhm, aber das war mir zu langweilig. Also versuchte ich Kunst, aber dazu war ich nicht begabt genug. Ich habe dann zu Grafikdesign gewechselt, und das ist wirklich cool.“ Er lachte. „Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich etwas Nützliches lerne, aber ich wusste einfach nichts mit mir anzufangen.“

Adrians Augenbrauen zogen sich zusammen. „Wie alt bist du denn?“

„Was glaubst du?“

Adrian lachte und schüttelte den Kopf. „Das ist gemein, du siehst echt jung aus...“

Patrick nickte. „Ja, das tue ich, aber die traurige Wahrheit ist, ich bin fast dreißig. Achtundzwanzig, um genau zu sein.“

Er zwinkerte Adrian zu und trank von seinem Bier. Die ganze Zeit ließ er Adrian dabei nicht aus den Augen. Der Sänger fühlte sich plötzlich gefangen; er ertrank in einem grünen Meer, das ihn nicht loslassen würde. Er schüttelte den Kopf.

„Wow“, bekam er heraus, „du bist nur ein Jahr jünger als ich, und ich hätte dich auf keinen Tag älter als zwanzig geschätzt. Was immer du nimmst, ich will auch etwas davon!“

Patrick lächelte, doch diesmal schien es, als lächelte er nach innen.

„Okay, dann komm mit mir. Ich kann es dir zeigen.“

„Was zeigen?“

„Nun, wie man jung und schön bleibt... nicht, dass du es nötig hättest, aber es ist einen Versuch wert, und ich wohne ganz hier in der Nähe.“

Adrian horchte auf.

„Du meinst das wirklich, was? Du willst, dass ich mit dir gehe... meinst du jetzt gleich?“

Patrick nickte. „Jetzt gleich.“

Adrian schüttelte den Kopf und lachte nervös auf. „Ich kann nicht. Ich habe morgen früh Unterricht.“

„Du könntest von meinem Haus aus zur Arbeit fahren. Ich könnte dich hinbringen.“

Adrian schüttelte erneut den Kopf, nun ernster als zuvor. „Ich will nicht. Ich bin keiner von diesen.“

Patrick hob sowohl seinen Kopf als auch seine Augenbrauen. Es war eine äußerst arrogante Bewegung.

„Oh. Verstehe. Du hast einen Freund.“

„Nein.“

„Du bist vorsichtig, das ist in Ordnung, I play safe, weißt du.“

Adrian wandte sich ab und stieß die Luft durch die Zähne aus. „Darum geht es doch gar nicht“, raunte er. „Ich bin nicht so. Ich suche etwas anderes... falls ich überhaupt suche.“ Er schüttelte den Kopf, sah Patrick dabei aber nicht an. „Ich möchte nur... ach, ich weiß nicht. Tut mir leid. Du musst das nicht verstehen.“

Patricks Ausdruck wurde weicher; er sah dadurch ganz anders aus, nahezu zerbrechlich. Seine geringe Körpergröße verstärkte diesen Eindruck noch.

„Aber das tue ich. Ich weiß ganz genau was du meinst.“

 

Es war sehr früh am Morgen, als Patrick Casey zurück nach Hause kam. Er war nicht allein.

„Das war ein wundervoller Abend“, sagte der Sänger namens Adrian. Seine Stimme klang wie Seide im Wind, als die beiden Männer vor Patricks Haus standen und sich unschlüssig ansahen.

„Ich habe noch nie so mit jemandem geredet, das war unglaublich. Ich möchte dich wiedersehen.“

„Das möchte ich auch“, flüsterte Patrick. Er lächelte leicht. „Gib mir dein Handy; ich speichere meine Nummer darin. Ruf mich jederzeit an, ja?“

Adrian nickte und gab Patrick sein Mobiltelefon.

„Das werde ich. Lass mich meine Nummer auch in deinem Telefon speichern, so dass du mich auch anrufen kannst, wenn du möchtest.“

Patrick tippte seine Nummer in Adrians Telefon und schüttelte den Kopf.

„Nee lass mal. Es sei denn, du möchtest dass ich dich die ganze Zeit belästige.“

Sie lachten zusammen leise auf. Die ersten Sonnenstrahlen erhoben sich bereits aus ihrem Bett am Horizont.

„Und du bist sicher, dass du nicht doch bleiben willst? Ich schlafe ohnehin immer auf dem Sofa, du kannst das Schlafzimmer ganz alleine haben.“

Adrian schüttelte den Kopf. „Nein, das ist sehr nett, aber ich habe noch Sachen zu Hause, die ich für die Kids mitnehmen muss.“

Patrick zuckte mit den Schultern und gab Adrian sein Handy wieder. „Okay, wie du willst. Also werde ich mich nun hinlegen und einen netten, langen Traum haben. Ich hoffe, du wirst darin vorkommen!“

Sie lachten wieder. Adrian lächelte. „Ich habe diesen Abend sehr genossen. Bitte lass uns das bald wiederholen.“

Patrick kramte die Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss die Vordertür auf. „Vergiss nur nicht, mich anzurufen!“

„Nein, das werde ich nicht“, versprach Adrian lächelnd. „Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“

Sie winkten einander zu, dann ging Patrick ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Er lehnte sich für einen kurzen Moment von innen dagegen und schloss die Augen. Er lächelte.

Das Lächeln verblasste nur allzu schnell, als er seinen Anrufbeantworter blinken sah. Er ging auf den kleinen Tisch zu, auf dem das Telefon nebst Anrufbeantworter stand, und hörte sich die Nachrichten an.

Beep.

„Hi Patrick-Baby, hier ist Jessy, ich dachte, du wärst heute Abend zu Hause. Naja, wie auch immer, ich muss dir ein paar Neuigkeiten über Adonis erzählen, du weißt schon, der heiße Ficker, den ich aufgegabelt habe. Ruf mich einfach mal an, wenn du Zeit hast, du wirst dich kringeln vor Lachen. Ich hoffe, du hast gerade einen geilen Typen im Bett, so wie ich, haha, aber mehr werde ich dir nicht sagen! Gute Nacht, Schatz, ich hoffe du hast etwas Spaß und denkst nicht immerzu an ihn.“

Als ob ich das könnte.

Beep.

„Hey Patrick, Dennis hier, möchtest du morgen vielleicht mit mir ins Kino gehen? Ich habe zwei Karten für einen richtig coolen Horrorfilm, den musst du einfach sehen, also ruf mich an, ja?“

Beep.

„Ehm, hier noch mal Dennis, naja, du hast mich nicht angerufen, und ich hab deine Handynummer nicht, bist du zu Hause? Ruf mich bitte an sobald du das hier hörst, okay? Bis bald!“

Patrick verdrehte angenervt die Augen und zündete eine Zigarette an. Er lief mit staksigen Schritten hin und her und rauchte hektisch.

Beep.

„Hey Casanova, hier ist dein bester und hübschester Freund! Also, hast du ihn flachgelegt? Ruf mich bitte an, sobald du zu Hause bist, damit ich weiß, dass du sicher angekommen bist. Und wag dich nicht noch mal, dein Handy auszuschalten, haha!“

Casanova war straight, du süßer Idiot.

Keine Nachrichten mehr. Patrick seufzte tief. Seine Glieder entspannten sich. Er drückte seine halbgerauchte Zigarette aus und wählte Johnnys Nummer. Der andere antwortete nach dem ersten Klingeln.

„John Winston.“

„Ich bins“, sagte Patrick. Er brauchte seinen Namen nicht zu nennen; er wusste, dass Johnny seine Nummer sehen konnte. Patrick sah seinen besten Freund beinahe durch das Telefon lächeln.

„Oh, was für eine Nacht. Was für eine lange, lange Nacht du hattest. Fick gehabt?“

„Nein“, antwortete Patrick. „Wir haben nur geredet.“

„Bist du nüchtern? Das klingt nicht nach dir, Kumpel.“

Patrick lächelte müde. „Ja, ich bin stocknüchtern, und es war einfach nur irre. Wir... ich weiß nicht, wir sind uns so ähnlich. Ich fing einen Satz an, er beendete ihn. Oder umgekehrt. Er sah mich an, und Mann, ich schwöre, er wusste, was ich denke.“

„Gruselig.“

„Großartig“, korrigierte Patrick. „Er ist einfach großartig. Ich liebe es, ihm zuzuhören. Seine Stimme ist der Hammer. Der ganze Typ ist wundervoll. Er hat die Fähigkeit, dich vergessen zu lassen... zumindest für eine Weile.“

„Oho!“, machte Johnny. „Hat sich da jemand in die Nachtigall verschossen?“

Patrick schüttelte den Kopf, was Johnny natürlich nicht sehen konnte. „Nein. Ich kann mich nicht verlieben. Jedenfalls noch nicht.“

„Das solltest du aber. Und du weißt es.“

„Ich möchte jetzt echt nicht darüber reden“, brach Patrick die Unterhaltung ab. „Ich muss schlafen; ich bin sehr müde.“

Johnny lachte auf. „Ich bin gerade aufgestanden, um zur Arbeit zu gehen. Du bist so stinkefaul, weißt du das?“

Patrick lächelte erneut. „Vielleicht. Ein bisschen.“

„Wirst du ihn denn wiedersehen? Diesen Sänger.“

Patricks Augen wanderten ins Nirgendwo. Sein Blick wurde sehr weich, und für einen Moment sah er wirklich glücklich aus; glücklich und stolz.

„Ja, ich denke schon. Er sagte, er habe den Abend mit mir genossen. Und er will mich anrufen.“

„Mister, du bist ein Glückskeks. Ich wünschte, ich wäre auch so einer.“

„Du stehst auf Mädchen, das ist das Problem.“

Johnny lachte und hustete. „Ja, das wird es wohl sein. Okay, ich muss gleich los. Wir sehen uns.“

„Ja klar. Viel Spaß bei der Arbeit, ich ruf dich später an. Ciao.“

„Mach das. Ciao.“

Patrick legte auf und starrte den Anrufbeantworter an. Keine Nachrichten mehr. Er holte sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, aber er wusste, was er sehen würde. Keine Nachrichten.

Der junge Mann seufzte und warf das Telefon auf das Sofa. Dann nahm er sich ein großes Kissen, ließ sich selbst auf das Möbelstück fallen und umarmte das Kissen mit beiden Armen, fest an den Körper gedrückt. Er sah dem Sonnenaufgang zu, ohne ihn wirklich zu sehen.

Warum hast du mich nicht angerufen?

 

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