Joshua Dean


Part 2 – zum täglichen Leben

 

„Ich möchte einen Iced Caramel Macchiato, tall, zum Mitnehmen, bitte.“

Adrian bezahlte und wartete auf seinen Kaffee. Seine Augen waren verhangen, und die Gedanken in seinem Kopf schossen wild und quer durcheinander.

Irgendjemand hatte es herausgefunden, irgendwie.

„Es ist Nonsens, Susan.“

Was hätte ich ansonsten auch sagen sollen?

Adrian bekam sein Kaffeegetränk und verließ den Coffeeshop.

„Und selbst wenn ich es wäre, sagt mein Privatleben doch überhaupt nichts über meine Qualifikation als Erzieher aus.“

„Es tut mir leid, ich wünschte, ich müsste dir das nicht mitteilen, Adrian, aber es ist nötig, um das Gerücht zu ersticken. Wir haben beschlossen, uns von dir zu trennen. Es tut mir leid.“

Na klar.

Für einen sehr kurzen, aber heftigen Moment hatte Adrian das unstillbare Verlangen gehabt, seiner Chefin das falsche Mitleid aus dem Gesicht zu wischen. Mit seiner eigenen Handfläche.

„Dies ist eine streng katholische Institution, und die Eltern werden nicht glücklich mit dem Gedanken sein, wenn sie fürchten müssen, dass...“

Dass eine Schwuchtel ihren Kindern beibringt, wie man die Uhr liest. Sicher.

Adrian hatte genickt, die Lippen zusammen gepresst und geschwiegen. Was hätte er auch sonst tun sollen?

Oh Gott, ich es hasse es so sehr – so zu sein.

Adrian seufzte und trank seinen Kaffee. Er hatte jeglichen Geschmack eingebüßt.

Zurück zu Hause warf er seine Tasche in die Ecke und lehnte sich gegen die nächste Wand. In seinem Kopf drehte sich alles, und die Wohnung verschwamm vor seinen Augen. Er atmete ein paar Mal tief durch und biss die Zähne aufeinander, dann war es vorbei. Er schloss die Augen und ließ sich erschöpft die Wand hinuntergleiten. Gefeuert. Einfach so. Er konnte es noch immer nicht glauben.

Oh Gott, bitte lass mich aufwachen. Mach, dass das nur ein böser Traum ist. Lass mich aufwachen... okay?

Es war kein böser Traum. Und irgendwie hatte Adrian auch nicht erwartet, dass Gott in dieser Angelegenheit noch auf seiner Seite war. Als Gefallener musste er sich wohl fortan solche Sachen bieten lassen. Das war die Realität. Und irgendwie hatte Adrian Taylor von jeher ein kleines Problem damit gehabt.

Als die Türklingel die Stille seiner Wohnung zerriss, zuckte er heftig und sprang auf. Einen Moment später kehrte sein Herzschlag dorthin zurück, wo er eigentlich hingehörte, und Adrian öffnete die Tür. Er sah geradewegs in ein offenes, freundliches Gesicht.

„Dylan“, seufzte Adrian. Er ließ seinen Bandkumpel in die Wohnung. „Was machst du denn hier?“

Der große, blonde Mann lachte laut.

„Du hast gesagt dass du heute frei hast, also habe ich früher Schluss gemacht und wollte dich abholen. Du weißt doch, der neue Song, wir wollten den fertig machen, und ich hab ein paar klasse Ideen! Wie wäre es mit...“

„Nicht jetzt“, unterbrach Adrian seinen Freund. Er sah ihn nicht einmal dabei an. Dylan setzte sich aufs Sofa und faltete die Hände.

„Und wieso nicht? Ich meine, du hast mich schließlich um dieses neue Arrangement fast angebettelt, und ich habe verdammt hart daran gearbeitet.“

„Sei einfach mal ruhig, okay?“, verlangte Adrian. „Ich kann mich im Moment wirklich nicht auf solche Dinge konzentrieren. Ich bin gefeuert.“

„Gefeuert?“, echote Dylan. Er schüttelte den Kopf und lachte. „Scheiße, Mister, verarsch mich nicht! Warum zur Hölle sollten sie dich feuern?“

Adrian zuckte leicht zusammen. Er holte tief Luft, sah auf den Boden und antwortete:

„Ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie jemand anderes gefunden, mit... besseren Referenzen oder so. Stellenabbau. Oder jemand jüngeres. Woher soll ich das wissen?“

„Verdammt, Adrian, du bist neunundzwanzig, du bistjung! Und ich glaube nicht, dass sie einen besseren Erzieher finden können als du einer bist.“

„War, Dylan. Ich bin kein Erzieher mehr.“

Adrians Blick fiel auf die Wand, die er mit Bildern von den Kindern dekoriert hatte. Erneut fühlte er einen scharfen Stich im Herzen, aber nicht nur wegen des Verlustes seines Jobs. Er liebte seine Arbeit, und er wusste, dass er gut darin war.

Er fuhr fast unmerklich zusammen, als Dylan ihm seinen Arm um die Schultern legte.

„Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Ich bin sicher du findest bald einen neuen Job. Du hattest immer viel Glück in deinem Leben, und wer weiß? Vielleicht ist der nächste Job sogar besser als der Letzte. Mach dir einfach keine Sorgen, es wird alles gut werden.“

Mach dir keine Sorgen, das war so typisch für Dylan. Aber Adrian war kein „mach dir keine Sorgen“-Typ. Er lächelte seinen Freund an, weil er wusste dass Dylan ansonsten keine Ruhe gäbe, aber tief in seinem Inneren fühlte er sich nur noch zum Heulen.

 

Patrick Casey saß vor seinem Computerbildschirm und fluchte von Zeit zu Zeit. Er erarbeitete gerade ein Webdesign für sein Studium, das weitaus schwieriger war, als er es sich zunächst vorgestellt hatte. Er seufzte und zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich zurück und begutachtete sein Design. Es war nicht gut, bei Weitem nicht gut genug. In diesem Moment öffnete sich ein kleines Fenster auf dem Bildschirm, begleitet von einem Klang, den Patrick nur zu gut kannte und auf den er innerlich ständig wartete.

JAM is online

Patrick schloss für einen kurzen Moment die Augen. Etwas in seinem Magen - etwas Riesiges! - drehte sich einmal im Kreis und fing dann an, um sich zu treten.

Nein. Lass mich in Ruhe. Ich... bin... einfach... nicht... da.

Patrick atmete langsam ein und versuchte, nicht auf den Bildschirm zu starren. Er wusste, er würde an sich selbst scheitern.

Worauf wartest du eigentlich?

Er drückte seine Zigarette aus. Warum musste der sich eigentlich immer dann melden, wenn man ihn am Wenigsten gebrauchen konnte?

Ich werde es nicht tun. Wenn du mit mir reden willst, dann schreib du mir gefälligst. Ich habe dir gesagt, ich werde dich nicht mehr anschreiben, und ich mache es auch nicht. Diesmal nicht. Diesmal bin ich stärker.

Er stand auf und ging ins Bad. Als er wenige Minuten später zurück kam, hoffte er auf ein kleines, orange blinkendes Feld am unteren Bildschirmrand. Seine Augen flogen zum Computer.

Nichts.

Patrick setzte sich wieder hin. Er bebte leicht. Innen drin bebte er stärker. Er hätte diese Sache schon vor langer Zeit beenden sollen. Er hätte ihm sagen sollen, dass er ihn nicht mehr wieder sehen wollte.

Das Problem war: er konnte nicht.

Er wusste, dass es falsch war, immer noch mit ihm in Kontakt zu bleiben, nach allem, was gewesen war. Und er wusste auch, dass er sich besser fühlen würde, wenn er ihn nicht mehr sähe.

Aber er konnte einfach nicht.

Er zitterte so stark, dass er seine Finger kaum unter Kontrolle bekam, als er sich gerade aufsetzte und beobachtete, wie sich seine Hände zu den Tasten bewegten.

...opening session

PAT: hey there... wie geht es dir so?

Er wartete auf die Antwort und verfluchte sich stumm für seine Schwäche. Er fühlte sich miserabel, als habe er gerade erst eine schwere Magen-Darm-Grippe hinter sich. Als ICQ ihm sagte, dass der andere gerade am Tippen war, setzte sein Herz für einen Schlag aus, wie es schien, ehe es zu rasen begann.

Es ist immer noch das Selbe, nach all dieser Zeit, oh Gott, wo bin ich hier eigentlich reingeraten?

JAM: geht mir gut, danke. Was ist mit dir? Was machst du heute abend?

Patrick lächelte. Er fing an, sich zu entspannen. Jedes Mal, wenn er in seiner Nähe war, und sei es nur digital, entspannte Patrick sich. Es war wie ein Wunder.

PAT: ich bin ok. Eigentlich mache ich nichts, bisschen arbeiten... es ist eine katastrophe :-P

Diesmal antwortete der andere sehr schnell.

JAM: Soll ich rüberkommen? Ich könnte dich ablenken... was meinst du?

Patrick schloss wieder die Augen. Er fühlte sich unsichtbar, wie dünne Luft, so leicht, so... nicht er selbst.

PAT: wäre toll. Ich vermisse dich.

Warum sage ich ihm das? Er weiß es doch längst, und es kümmert ihn ´nen Dreck!

JAM: Ich bin in einer halben stunde bei dir, ist das ok?

PAT: Sicher. Ich freu mich!

JAM: :-) bis gleich

...session closed

Patrick lehnte sich zurück. Er konnte nicht glauben, was er gerade getan hatte. Er fühlte sich nicht wirklich gut, aber er war auch aufgeregt, ihn wieder zu sehen. Als ob nichts gewesen wäre.

Nun, fast.

Er stand auf, speicherte seine Arbeit ab und fing an, aufzuräumen. Er hatte nicht viel Zeit.

 

Adrian starrte auf die Nummer im Display seines Handys.

Er schien ein netter Kerl zu sein. Vielleicht versteht er es.

Vielleicht lacht er dich auch aus.

Aber wir hatten so eine schöne Zeit.

Mit einem tiefen Seufzer drückte er auf „Anrufen“ und wartete darauf, dass der andere an sein Telefon ging.

 

„Oh! Hör nicht auf damit, hör nicht... oh Gott, ich liebe dich, Julian, ich liebe dich. Ich...“

Das Telefon klingelte. Patrick erstarrte. Julian sah von unten zu ihm auf. Seine hellblauen Augen waren von Lust verklärt.

„Nein... ach komm schon, lehn dich zurück, ich will dich... nicht doch, das ist doch jetzt nicht wichtig...“

„Das könnte es aber sein“, antwortete Patrick. Er löste sich von Julian und holte sein Telefon.

>>unbekannte Nummer ruft an<<

„Hallo Unbekannter“, sagte Patrick. Er hörte jemanden atmen.

„Hi, ehm, ich bins... Adrian Taylor, ich meine... erinnerst du dich?“

„Natürlich erinnere ich mich, wie könnte ich dich vergessen?“, sagte Patrick fröhlich und handelte sich ein Stirnrunzeln von Julian ein. Immer noch nackt, stakste Patrick durch sein Wohnzimmer und suchte zwischen der an Boden liegenden Kleidung nach seinen Zigaretten.

„Das ist nett von dir“, sagte Adrian. „Der Grund, warum ich dich anrufe... ehm, es ist ein bisschen peinlich...“

„Ach nein, Adrian, sag schon, was ist los?“ Patrick hörte, wie Adrian seufzte.

„Können wir reden? Ich brauche jemanden zum Reden und... und ich weiß niemanden außer dir.“

„Sicher“, sagte Patrick sofort. Er hatte seine Zigaretten gefunden und zündete sich eine an. „Weißt du noch, wo ich wohne? Ich bin zu Hause. Komm rüber, wann immer du willst.“

„Okay, danke, Patrick, das ist...“

„Ganz normal und völlig in Ordnung. Na dann komm. Ich warte auf dich.“

Patrick legte auf. Er spürte, wie Julians eisblaue Augen ein Loch in seinen Rücken brannten.

„Wer war das denn?“, fragte Julian. Patrick bemerkte den kalten Ton und drehte sich um. Er spürte, wie seine Erregung ihn verließ.

„Ein Freund.“

„Ich wusste nicht, dass du einen Freundmit Namen Adrian hast. Wer ist das? Seit wann kennst du ihn?“

Patrick sammelte seine Boxershorts vom Boden auf und zog sie an. Plötzlich fühlte er sich sehr nackt. Er starrte Julian ungläubig an.

„Warum willst du das wissen? Du hast dich nie um mein Leben geschert, wieso also jetzt?“

Julian zog sich ebenfalls wieder an und zündete sich eine Zigarette an, bevor er aus einem Glas mit Wodka-Red Bull trank. Er tat dies alles sehr bedächtig und sah Patrick eindringlich an. „Ich habe mich immer dafür interessiert, was du machst. Du bist mir wichtig.“

„Mein Schwanz ist dir wichtig, nichts weiter“, murmelte Patrick. Er sah Julian nicht mehr an.

„Was? Was hast du gesagt?“

Patrick schüttelte den Kopf. „Nichts. Geh jetzt bitte. Adrian ist in Schwierigkeiten, und er wird bald hier sein. Er braucht jemanden zum Reden.“

Julian ging auf Patrick zu, bis er direkt vor ihm stand; so nah, dass der kaum größere Mann die Haut des anderen riechen konnte. Patrick bebte leicht.

Ich liebe dich.

„Du bist zu gut für diese Welt, Patrick“, sagte Julian. Seine Stimme vibrierte rau. Er war so nah, dass seine dunklen Wimpern beinahe über Patricks Gesicht wischten.

„Du musst dich besser um dich selbst kümmern, nicht immer nur um andere. Ich meine... manchmal denke ich, du bist ein bisschen masochistisch. Emotional masochistisch.“

Patrick wandte sich ab. Plötzlich konnte er Julians Nähe nicht mehr ertragen.

„Warum? Weil ich dich liebe?“

 

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