Joshua Dean


Part 3 – Out-Side

 

„Warte einen Moment, habe ich das richtig verstanden? Sie haben dich gefeuert, weil sie dich verdächtigen, schwul zu sein?“

Adrian machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, als ob diese Frage ihn ärgerte. „Genau. Ich bin ruiniert.“

„Das können sie nicht machen“, sagte Patrick sofort. Er zündete sich eine Zigarette an und fing an, auf- und abzulaufen.

„Du sagtest, sie haben es nicht definitiv gewusst, richtig?“

Adrian nickte.

„Und... du hast ihnen nie etwas gesagt? Du hast da fünf Jahre lang gearbeitet, und du hast nie auch nur ein Wort gesagt?“

Adrian nickte erneut. Patrick blieb stehen und trank einen Schluck Pepsi. „Wow. Das ist hart, Mann.“

„Ich weiß, wie das klingt, ich bin so armselig, und...“

„Hör auf damit. Du bist nicht armselig“, sagte Patrick. Er sah Adrian an, der unglaublich geknickt wirkte. „Du bist toll. Und klug.“

Adrian lächelte blass. „Das hat mich nicht davor bewahrt, gefeuert zu werden.“

„Es ist nicht das Ende der Welt. Was passiert als Nächstes?“

Adrian zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen? Ich habe soeben meinen Job verloren, ich... ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Ich meine, ich muss meine Miete bezahlen. Ich habe auch noch andere Verpflichtungen. Ich habe ein Leben!“ Er seufzte. „Das heißt, ich hatte eins. Ich weiß einfach nicht, ich bin so verwirrt.“

Patrick nickte.

„Nur keine Panik. Ich verstehe das. Okay, also zuallererst dürfen sie dich nicht feuern, nur weil sie glauben, dass du schwul bist. Selbst wenn sie es mit Sicherheit wüssten...“

„Gott bewahre!“

Patrick schüttelte ungeduldig den Kopf und fuhr fort. „Selbst wenn sie es definitiv wüssten, dürften sie dich deswegen nicht entlassen. Das ist Diskriminierung aufgrund der Sexualität eines Menschen, und das ist verboten. Du dürfest also gute Chancen haben, deinen Job wieder zu bekommen, wenn du es darauf anlegst.“

„Ich weiß nicht“, sagte Adrian traurig, „wenn sie mich nicht rausschmeißen können, weil ich... naja, ich meine, würden sie nicht versuchen, einen anderen Grund zu finden?“

Patrick schnaubte leicht.

„Das, mein hübscher Freund, ist eine ganz andere Geschichte. Natürlich würden sie das. Aber es liegt an dir. Entweder kämpfst du für deine Rechte, oder sie werden dich für immer anpissen, immer und immer und immer wieder.“

Adrian lachte unwillkürlich auf. „Was?“

„Ich meine es ernst“, erklärte Patrick. Sein Ausdruck war so offen und ehrlich, dass er Adrian zum Lächeln zwang. „Du musst für das kämpfen, was dir wertvoll ist. Das ist die Regel des Lebens, Mann.“

Die beiden Männer sahen sich schweigend an. Adrian verspürte plötzlich das Bedürfnis, Patrick sehr viel näher zu kommen. Er schien derjenige zu sein, den Adrian all die Jahre gesucht hatte; stark, selbstbewusst, willig, ihn aus der Dunkelheit zu führen.

Vielleicht.

Patrick seufzte. „Da steckt noch mehr dahinter, oder?“

„Deine Intuition ist gruselig“, sagte Adrian, nicht ohne Bewunderung. Patrick setzte sich nah neben Adrian. Dem Sänger stockte fast der Atem, als Patrick seine Hand nahm und sie hielt.

„Also, dann sag es mir“, flüsterte er. „Was ist denn los?“

Adrians Blick fiel auf ihre Hände, die sich locker hielten, auf natürliche Weise verbunden. Zwei Hände von zwei Männern. So sündhaft. So traumhaft. Er schüttelte den Kopf und guckte die Tapete an. Er wollte nicht, dass Patrick seine schwimmenden Augen sah.

„Ich... ich habe es noch niemandem gesagt.“

Patrick zögerte. Er wusste, dass Adrian nicht den Verlust seines Jobs meinte.

„Gar niemandem?“

„Nicht einer Menschenseele.“

Patricks Augenbrauen hoben sich. „Oh... ehrlich, das hätte ich nicht erwartet.“

„Ist das... ich meine, bin ich... was...“

„Shh.“ Patrick legte zwei Finger unter Adrians Kinn und zwang ihn sanft, ihn anzusehen.

„Es ist okay. Es kümmert mich nicht. Es ist deine Entscheidung, und ich respektiere das. Willst du darüber reden?“

Adrian hob die Schultern, nicht in der Lage, den Augenkontakt zu brechen.

„Ich weiß nicht, ob ich das schon kann.“

Patrick nickte.

„Okay... okay. Ich bin für dich da. Rede einfach, wenn dir danach ist. Ich höre dir zu.“

Adrian sah auf den Boden. Diese Sache war schon so lange in ihm vergraben, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte. Allein der Gedanke, es laut auszusprechen, ließ ihn erzittern. Er atmete tief ein, aber die Worte kamen nicht. Patrick legte ihm den Arm um die Schultern und zog den anderen Mann leicht an sich.

„Es ist schon okay“, sagte er sanft. Seine Lippen waren sehr nah an Adrians Ohr, und der Sänger hörte, wie seine Stimme leise vibrierte. Ein wohliger Schauer kroch ihm den Rücken hinauf, und doch schüttelte er leicht den Kopf.

„Es… es ist nicht ganz so, wie du vielleicht denkst“, begann Adrian stockend. Seine Stimme schien plötzlich nicht mehr zu ihm zu gehören; klirrend klang sie, fremd, gar nicht so sanft und angenehm wie Patrick sie kannte. Er horchte auf.

„Ich konnte nicht mehr daran vorbei sehen, als ich fünfundzwanzig wurde. Das war vor vier Jahren. Ich hatte alles; einen guten Job, eine nette Wohnung, alles, was ich mir nur wünschen konnte. Ich wollte das nicht verlieren. Aber… nun, wie soll ich sagen? Es fühlte sich so an, als fehle da etwas, und ich war geschockt, als ich letztlich wusste, dass ich… mein Gott, ich versuchte wirklich, es zu sagen! Ich versuchte es, aber… ich arbeitete für eine streng katholische Vorschule, und meine Freunde… ich weiß nicht einmal, ob ich richtige Freunde habe. Meine Eltern, nun, meine Mutter würde mich sicher verstehen, aber mein Vater… wir hatten immer Probleme, er dachte immer, ich sei nicht Mann genug; was immer das auch sein sollte.“

Patrick hatte immer noch den Arm um Adrians Schulter gelegt und hielt nun auch seine Hand. Seine Worte waren leise und ruhig, als er fragte:

„Willst du dich denn outen?“

Adrian bebte leicht, aber er nickte. Er sah ins Leere. Er liebte seine Arbeit, er liebte die Kinder, und es hatte seinem Leben den Sinn gegeben, den er wollte. Aber es war eine Doppelmoral, die er lebte. Und über alledem schwebte diese Sehnsucht in ihm, die Sehnsucht nach innerer Stille, nach Frieden, nach Freiheit.

Er atmete tief ein und nickte erneut.

„Ja.“

„Was hält dich davon ab?“

Adrians Stimme schrumpelte zu einem heiseren Wispern.

„Ich habe Angst.“

„Glaubst du, dass du noch irgendetwas zu verlieren hast?“

Adrian lachte humorlos.

„Verdammt, nein. Ich hab schon alles verloren.“

„Dann sag es.“

„Was?“

Patrick nickte ermutigend.

„Sprich es aus. Mir ist aufgefallen, dass du nicht gesagt hast, dass du schwul bist. Aber du weißt es. Und du sagst, dass du dich outen möchtest. Dann mach das auch. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen oder sich schlecht zu fühlen, was auch immer. Wenn du dich outen willst, musst du das als erstes vor dir selbst tun. Also sag es. Es wird dich befreien. Sag ‚Ich bin schwul’.“

Adrian lachte nervös.

„Was ist das, irgendein New Age Müll?“

„Nein. Es ist die Realität. Es ist Zeit, ihr ins Gesicht zu blicken, mein Freund. Nun komm schon. Sprich mir nach; ich bin schwul.“

Adrian atmete tief ein. Sein Herz raste plötzlich und überzog seine Haut mit einem feuchten Schweißfilm.

„Ich… ich bin schwul.“

Patrick lächelte leicht.

„Sehr gut. Und wie fühlte sich das an? War das jetzt so schlimm?“

Adrian horchte in sich hinein. Er fühlte sich – gut. Erstaunlich gut. Er grinste.

„Nein, es ist… es ist okay.“

„Schön, dann noch einmal, ohne Zögern. Nur du.“

„Ich bin schwul…“

Patrick grinste breiter.

„Oh ja, ich denke, das ist schon ganz richtig. Und ich sag dir was; wir haben etwas gemeinsam. Denn ich mag es, mit einem Mann zusammen zu sein.“

„Was?“

„Sag es. ‚Ich mag es, mit einem Mann zusammen zu sein.’“

„Das ist lächerlich!“

Patrick lachte. So ein schönes kleines Lachen.

„Ja, das dachte ich zuerst auch. Aber was du laut aussprichst, wird Realität. Es ist dann viel leichter zu akzeptieren.“

Adrian sah Patrick zweifelnd an.

„Meinst du wirklich?“

Ich meine nicht, ich weiß. Jetzt komm.“

Adrian schluckte. Sein Hals fühlte sich an wie Sandpapier.

„Ich, erm… mag es, mit einem Mann zusammen zu sein.“

Patrick drückte Adrians Hand leicht; eine sehr angenehme Berührung. Adrian zuckte ein wenig. Es war so wunderbar und so natürlich, er konnte seinen Herzschlag längst nicht mehr beherrschen.

„Sehr gut, Adrian. Wie fühlst du dich?“

„Gut“, sagte Adrian ohne Zögern. „Ich hätte nie gedacht, dass ein simpler Satz mich so…“

frei machen würde.

Patrick lächelte. Es sah aus, als würde er in sich hinein lächeln.

„Ich weiß. Okay, fühlst du dich bereit für eine letzte Wahrheit?“

Adrian lächelte. Er blinzelte als Zustimmung.

„Okay…’Ich genießees mit Männern.’“

„Ich genieße es mit Männern.“

So einfach. So normal.

Natürlich.

Patrick grinste.

„Das ist nur der Anfang. Wie ich sagte, du musst dich nicht schämen für den, der du bist, das ist vollkommen normal und auch gut so, verstehst du das?“

Adrian nickte ernst. Er begann zu verstehen, aber er wusste auch, dass auf der langen Reise zu sich selbst erst der erste Schritt getan war. Er hörte Patrick atmen, und für einen winzigen Moment gab es nur die Beiden auf der Welt. Adrian sah sein eigenes Gesicht in Patricks dunkelgrünen Augen, und ihm wurde leicht schwindelig. Patrick lächelte und stand auf. Der Zauber war vorbei, aber die Erinnerung an ein ganz bestimmtes Gefühl würde für immer in Adrian wohnen. Er fuhr leicht zusammen als Patrick ihm wieder geradewegs in die Augen sah.

„Ich werde Freitag Abend eine Party geben. Vielleicht möchtest du ja auch kommen; es wird dich amüsieren, da bin ich mir sicher. Du darfst jetzt nicht aufgeben.“

Adrian sah Patrick von der Seite an.

„Wieso tust du das für mich? Ich bin doch ein völlig Fremder.“

„Nein, bist du nicht. Ich mag dich. Wir sind uns recht ähnlich. Ich habe das im allerersten Moment schon gewusst.“

 

„Und dann kam er zu mir nach Hause und erzählte mir tatsächlich, dass er gefeuert worden ist, einfach so, weil sie vermuten, dass er schwul ist. Sie haben nicht einmal einen Anhaltspunkt, und überhaupt! Das kann doch nicht recht sein. Dürfen die das denn?“

„Ich weiß es nicht, Schatz“, antwortete Jessica. Sie saß mit ihrem besten Freund bei Starbucks und rührte in ihrem Kaffee.

„Er klingt niedlich. Hast du dich verknallt?“

Patrick hob die Schultern.

„Ich weiß nicht. Ich meine, er ist klug und nett und sieht gut aus und alles, aber…“

„Sag´s nicht. Du musst Julian vergessen. Er ist nicht gut für dich, wirklich nicht. Ich habe dich das ganze letzte Jahr beobachtet, Pat, und du wirst immer depressiver. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich.“

„Blödsinn“, antwortete Patrick, „ich bin nicht depressiv. Ich liebe ihn. Ich will ihn zurück.“

„Aber das wird nicht passieren“, sagte Jessica sanft. Sie seufzte. „Er nutzt dich doch nur aus, und du kriegst es nicht einmal mehr mit. Du bist so… stur, wenn es um ihn geht, du denkst nur daran, ihn zurück zu bekommen, aber du denkst nicht daran, was dann sein wird. Er könnte alles mit dir anstellen, und das ist nicht gut, Patrick. Ich bin da selber durchgegangen, tu´ dir das nicht an, das ist es nicht wert. Er ist zu jung, er versteht das alles noch nicht.“

„Er ist vierundzwanzig, das sollte alt genug sein.“

Jessica lächelte schwach.

„Aber du bist fast dreißig. Und du hast andere Ziele im Leben als er. Ihr zwei… ihr passt einfach nicht zusammen. Das kann nicht gut gehen, so leid mir das tut.“ Sie machte eine kleine Pause. „Aber dieser Kerl, Adrian, der könnte gut für dich sein.“

Patrick schnaubte leicht.

„Woher willst du das denn wissen? Außerdem ist er noch nicht einmal geoutet. Er steht ganz am Anfang.“

„Ist das wichtig?“

Patrick seufzte und schloss für einen Moment die Augen. Er erinnerte sich an Adrians Ausdruck, als sie sich angesehen hatten und – er öffnete die Augen wieder und sah Jessica ernst an.

„Nein. Nein, das ist es nicht. Aber ich will auch keinen Freund, der überall erzählt, ich sei sein Cousin oder so. Ich bin nämlich geoutet, und ich bin auch verdammt stolz darauf.“

„Weil du ganz genau weißt, was für ein Kampf das war, nicht wahr?“

Die blonde Frau lächelte, und wie so oft machte sie Patrick sprachlos.

„Kommt er denn zu deiner Party?“

Patrick nickte.

„Ja, ich habe ihn eingeladen. Ich dachte, dass es ganz gut wäre, wenn er sich ein wenig ablenkt.“

„Das ist eine Ausrede. Ich denke, es wäre die perfekte Gelegenheit, ihn ein bisschen besser kennen zu lernen“, sagte Jessica mit einem Zwinkern. Patrick verdrehte die Augen.

„Ich glaube nicht, dass er mich auf diese Weise mag.“

„Noch eine Ausrede. Du weißt, dass er dich mag. Mehr als das. Nach dem was du mir erzählt hast, vertraut er dir. Und ich kann es in deinem Blick sehen.“

„Was?“

Jessica lächelte.

„Dass du auf dem besten Wege bist, dich zu verlieben!“

 

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