Joshua Dean


Part 6 – Zu Viel

 

„Oh mein Gott! Was ist denn hier los?“

Adrian wurde brutal aus seinem tiefen Schlaf geweckt. Eine schrille Frauenstimme schrie. Seine Augen flogen auf, aber alles, was er sah, war das verschwommene Bild eines Raumes. Er bemerkte, dass er auf einer weinroten Schlafcouch lag. Er war nicht allein. Adrian blickte hinab und sah einen Arm, der sich um seine Hüfte gelegt hatte, aber in seinem verschlafenen Zustand war er gerade dazu in der Lage, festzustellen, dass dieser Arm nicht seiner war. Er rieb sich die Augen, als jemand den Raum betrat.

„Patrick, würdest du bitte... oh.“ Die Stimme pausierte. „OH!“

Adrian sah die halbnackte Frau im Türrahmen an. Sie grinste breit.

„Guten Morgen“, sagte sie, ihr Ton halb entspannt, halb amüsiert. „Ich wusste gar nicht, dass du noch hier bist.“

„Wusste ich auch nicht“, krächzte Adrian, seine Stimme rostig und rau nach all dem Wein. Er räusperte sich; neben ihm bewegte sich Patrick leicht und hob den Kopf. Er blinzelte verschlafen, sah jedoch keine Veranlassung, seinen Arm von Adrians Hüfte zu nehmen.

„Was ist los? Wozu das Theater?“

Jessica war besorgt. „Dennis. Im Bad.“

Patrick stand entschlossen auf und ging aus dem Zimmer. Adrian bemerkte, dass er völlig bekleidet unter der Decke gelegen hatte, und obwohl er nicht genau wusste, warum, kam ein Seufzer der Erleichterung über seine Lippen.

Dennis lag im Badezimmer auf dem Boden, offensichtlich schlafend oder bewusstlos. Patrick erfasste mit einem einzigen Blick die gesamte Szenerie; sein Ausdruck  kräuselte sich etwas bei dem Anblick der schon leicht angetrockneten Kotze in der Badewanne.

„Steh auf, du Penner!“

Jessica schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass...“

Patrick trat Dennis in die Seite und rief laut: „Na komm schon! Du Arsch, was hast du diesmal wieder angestellt?“

Jessica hob die Augenbrauen. „Er bewegt sich nicht.“

„Das sehe ich auch“, brummte Patrick. Er befürchtete das Schlimmste, als Jessica neben Dennis kniete und seinen Puls fühlte. Ein paar Sekunden später ließ sie Dennis´ Handgelenk einfach los; mit einem hässlich klatschenden Geräusch fiel es ungebremst auf die Kacheln. Jessica sah auf. Ihr Gesicht war kalkweiß, und ihre Stimme glich einem heiseren Hauch.

„Ruf einen Leichenwagen.“

„Oh Gott... sag mir nicht, dass...“

„Geh schon, Patrick. Wir können hier nichts mehr tun.“

 

Als Adrian an diesem Abend nach Hause kam, war er sehr erschöpft. Nicht nur die bloße Tatsache, dass jemand gestorben war, hatte ihn regelrecht ausgelaugt, sondern auch die ständigen Fragen der Notärzte, die wissen wollten, was es mit Dennis´ Tod auf sich hatte. Natürlich hatten Patrick, Jessica und Adrian ihnen nicht allzu viel über Dennis sagen können. Pat und Jessica hatten zwar gewusst, dass Dennis Drogen nahm, aber keiner von beiden noch irgendjemand sonst auf der Party hatte ihn dabei beobachten können. Patrick hatte sehr mitgenommen ausgesehen, als er zu erklären versuchte, dass er Dennis schon vor einiger Zeit jeglichen Umgang mit Drogen in seinem Haus untersagt hatte. Nun, offenbar hatte Dennis seinen Freund in dieser Hinsicht ignoriert.

Die drei Freunde waren gemeinsam zum Krankenhaus gefahren, um heraus zu finden, woran Dennis nun tatsächlich gestorben war, aber natürlich hatte man ihnen nicht viel dazu gesagt. Nur die Tatsache, dass er zuviel einer chemischen Substanz im Blut hatte, war nicht zu leugnen. Irgendwann im Laufe der Nacht war Dennis schließlich an einer Überdosis gestorben, vermutlich aufgrund von Organversagen. Jessica war zutiefst erschrocken gewesen von dem Gedanken, wie Dennis gestorben war; in einem kalten Badezimmer, allein, unfähig, sich zu bewegen, zu schwach, um nach Hilfe zu rufen, langsam sterbend, vielleicht gar schmerzvoll, bis er schließlich seine Augen für immer geschlossen hatte. Obwohl Jessica Altenpflegerin war und demnach an den Tod gewöhnt, war sie noch immer entsetzt. Adrian hielt sie, während ihr dicke, stumme Tränen die Wangen hinabkullerten; Patrick starrte ins Nichts. Er konnte nichts sagen. Adrian hatte sich in seinen letzten Worten an Dennis verloren. Sie waren alle bleich wie Papier, geschrieben mit ewiger Tinte.

 

Alsbald Adrian seine Eingangstür verschloss und die kühle Stille der Wohnung in sich aufnahm, kam es ihm vor, als sei er um Jahre gealtert. Sein Zuhause war nicht mehr das Gleiche wie das, welches er am Tag zuvor verlassen hatte. Er war nicht mehr der Gleiche, der die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dieser lange, traurige Tag hatte ihn verändert. Er wusste nicht, ob er diese Veränderung begrüßte.

Er warf seine Schlüssel auf ein kleines Tischchen im Flur und ließ sich selbst aufs Sofa fallen, ohne das Licht anzumachen. Es war so viel passiert, und er fühlte sich sehr müde. Irgendwie, so dachte er, war sein altes, ruhiges Leben schon lange vorbei.

Gefeuert. Ach ja. Das hatte er in Anbetracht der Umstände glatt vergessen. Adrian seufzte in der Dunkelheit und zuckte unwillkürlich mit den Schultern. Ein tiefer Stich von Sorge und ein wenig Angst bohrte sich in sein Inneres. Er hätte nicht zu dieser Party gehen sollen. Er hätte dann keinen toten Mann getroffen. Er hätte eher die Stellenanzeigen nach einem Job durchsuchen sollen.

'Mögen' wie in 'mit ihm zusammen sein wollen'

Adrian schüttelte den Kopf. Er schloss die Augen. „Nein“, murmelte er.

Es ist zu kompliziert. Ich bin nicht... so.

„Ich genießees mit Männern.“

Patricks Stimme klang laut und deutlich, als ob er direkt neben Adrian stünde. Seine Augen flogen auf, und er sah sich sogar um, aber er war allein; noch immer allein, abgesehen von den Schatten, die langsam über den blanken, dunklen Holzfußboden wanderten. Sie schienen Adrian zu verhöhnen, irgendwie.

Du bist irre, Taylor. Verrückt.

„Es wird dich befreien.“

„Nein, wird es nicht. WIRD ES NICHT!“

Adrian griff nach einem Sofakissen und warf es mit aller Kraft durch den Raum. Angestrengt versuchte er, den Drang zum Weinen zu unterdrücken. Erfolglos.

„Ich bin nicht so, ich bin nie so gewesen“, schluchzte er. Seine Stimme bebte, wimmerte, bat darum, die Wahrheit sprechen zu dürfen, die er sich selbst versagte.

„Ich bin nicht wie du.“

Aber ich wünschte, ich wär´s.

„Weil du die schönste Person heute Abend hier bist!“

Erneut brach eine schwere Welle über Adrian herein, und er nahm ein anderes Kissen, das er eng umarmte. Seine Tränen – so viele Tränen – fielen auf den hellen Stoff und verdunkelten seine Farbe. Die Schatten am Boden wurden länger und länger, aber Adrian sah sie nicht mehr. Fest gefangen in der Panik, die ihn schon seit Jahren umgarnte, ertrank er in seinem eigenen Elend, das wie kleine Ströme aus seinen Augen floss. Es war, als bräche er auseinander; nichts hatte mehr Bestand. Es war alles zu viel geworden. In nur wenigen Tagen hatte er die Kontrolle über alles, sein gesamtes Leben, verloren... sein Privatleben, sein Berufsleben, und sogar über seine Gefühle. Früher hatte er das alles noch von sich schieben können; ein Mann hier, ein anderer da, das war nichts Echtes, ein Experiment, kein Grund zur Sorge. Aber nun liebte er jemanden, den er nicht lieben durfte. Einfach so. Er hatte jemanden nur Stunden vor dessen Tod getroffen. Alles konnte so schnell vorüber sein. Dennis´ Verscheiden knackte die Panik in Adrians Herz ein wenig auf, und er weinte wie ein Baby, um Dennis, um Patrick, um alle, und vor allem um sich selbst, obwohl er wusste, dass es ihn nicht retten würde.

„Er nimmt jeden, der vor ihm auf die Knie fällt, mein Freund.“

Adrian hörte Dennis, seine letzten Worte, wie ein ewiges Vermächtnis. Es half. Die schnarrende Stimme, betrunken, verächtlich, aber noch immer... was? Wirklich? Ehrlich? Ja. Es war wahr. Zumindest war es sicherer, das zu glauben.

Ich war komplett angezogen.

Adrian runzelte die Stirn. Sein Kopf schmerzte noch immer von zuviel Wein, und er schloss die Augen. Die Welt drehte sich weiter.

Er hätte mich gleich dort flachlegen können. Hat er aber nicht. War er schon zu betrunken gewesen?

Adrian erinnerte sich an Patricks festen Griff an seiner eigenen Hüfte. Eine angenehme Berührung – aber keine betrunkene. Diese Hände hatten sehr genau gewusst, was sie taten. Adrian versuchte, die Erinnerung beiseite zu stoßen. Schwächlich, er schaffte es nicht. Er wollte es auch gar nicht. Adrian seufzte.

Okay. Dann denk halt an ihn. Kein Problem, wieso auch nicht? Du wirst ihn nicht wiedersehen. Es ist... es ist einfach nicht gut für dich, ihn wiederzusehen. Okay? Also kannst du ruhig an ihn denken. An ihn zu denken ist nicht gefährlich, das ist ja nur in deinem Kopf... okay?

Der Arm eines anderen Mannes um seine eigene Hüfte gelegt. So natürlich, und so gut hatte sich das angefühlt. Eine süße Erinnerung eines winzigen Momentes. Nicht nur irgendein Schwanz in der Dunkelheit der Nacht, oh nein. Das mit Patrick war das, was er insgeheim gesucht hatte. Adrian schüttelte den Kopf. Er stand abrupt auf und ging ins Bad, ließ Wasser in die Wanne und stieg hinein. Noch bevor er genau wusste, was er tat, fasste er sich selbst an, mit geschlossenen Augen, und in seinen Gedanken war nur eine Person – die Person, dessen Hände er sich mehr als alles andere auf seiner Haut wünschte; nicht nur für eine Nacht.

 

Patrick saß auf seinem Sofa. Er hatte Jessica nach Hause gebracht, nachdem er David angerufen und gebeten hatte, sich um sie zu kümmern. Nun saß er hier ganz allein und wünschte sich, woanders zu sein. Er beobachtete die Schatten, die sich durch sein Wohnzimmer stahlen, und hörte der dicken, schweren Stille zu. Er ertrug es nicht. Patrick konnte die Anwesenheit des toten Körpers in dieser Wohnung spüren, und er fragte sich, ob er jemals wieder in diesen Wänden schlafen würde.

Ich hätte ihn aufhalten müssen, dachte Patrick,ich hätte ihn in Therapie schicken müssen... ich hätte ernsthaft mit ihm reden müssen.

Das hast du. Und hat er dir zugehört?

Nein, aber...

Kein Aber.

Patrick zog die Augenbrauen zusammen.

„Kein Aber. Bleib.“

Seine eigene Stimme, tief, ein wenig verträumt, ein angenehmer Klang. Patrick nahm das Telefon und wählte.

 

Das Telefon klingelte. Adrian wollte es ignorieren, aber dann fiel ihm ein, dass es etwas Wichtiges sein könnte. Also sprang er aus der Badewanne, rannte den Flur entlang und rutschte auf dem Kachelboden aus. Er fluchte wüst, stand wieder auf und hechtete zum Telefon.

„Adrian Taylor am Apparat.“

Jemand räusperte sich. „Erm, hi Adrian, ich bin´s. Erm... Patrick.“

Oh mein Gott.

„Hi Patrick“, sagte Adrian. Seine Stimme war nur ein wenig zu hoch, aber er hatte sie ganz gut im Griff. Er bemerkte, dass ihm Wasser aus dem Haar tropfte. „Was gibt´s, ich meine...“

„Ich wollte nur fragen, ob du okay bist“, sagte Patrick hastig. Er räusperte sich erneut, aber seine Stimme war genauso dünn wie zuvor. „Ich meine... wir sind so schnell auseinander gegangen nach dem Krankenhaus, dass wir gar nicht reden konnten, und... es war so ein übler Tag.“

„Ja“, bestätigte Adrian. Ein unfreiwilliges Lachen entkam seiner Kehle und klang beinahe hysterisch. „Ich bin ausgerutscht, als ich zum Telefon rannte, und auf dem Arsch gelandet. Das wird einen hübschen blauen Fleck geben.“

„Oh!“, rief Patrick aus. „Das tut mir leid. Habe ich... ich meine, störe ich dich?“

JA!!

„Nein, nicht doch“, antwortete Adrian. Er besah sich die Gänsehaut auf seinem feuchten Arm. „Es war nur, naja, ich hatte ein Bad genommen, nichts weiter.“

Er erinnerte sich daran, was er ein paar Minuten zuvor getan hatte, im sicheren Schutze des heißen Wassers, und errötete heftig. Adrian war froh, dass Patrick ihn nicht sehen konnte, wie er tropfnass und mit hochrotem Kopf vor der Telefonbank hockte. Er hörte den anderen leise seufzen; ein Seufzer der Erleichterung, wie es schien.

„Ich sollte dich nicht damit belästigen, aber ich kam gerade nach Hause, und... es ist so ruhig hier. Es ist so seltsam. Ich weiß nicht, warum, es ist einfach...“

„Es ist in Ordnung“, versicherte Adrian. Er bemerkte, dass seine Stimme wieder völlig normal klang und ihren eigenen Zauber ausübte, ohne dass Adrian es wollte. Er ignorierte es. Hauptsache, es wirkte.

„Es ist ganz normal, dass du dich komisch fühlst, Patrick. Da war...“ Er konnte nicht weitersprechen.

Patrick nickte, auch wenn Adrian ihn nicht sehen konnte. „Ein toter Mann in meinem Bad, ich weiß. Es ist so schrecklich.“

Patrick beobachtete wieder die Schatten. Sie berührten das weinrote Sofa, das des Nachts sein Bett war, und er schloss die Augen für einen kurzen Moment.

„Das ist es“, hörte er Adrian sagen, die Stimme des Sängers warm und beruhigend, wie Balsam sogar durch das Telefon. „Kanntest du ihn gut?“

„Ein paar Jahre“, antwortete Patrick. Es machte ihm nichts aus, dass Adrian so direkt fragte, im Gegenteil. Es tat ihm gut. Jedem anderen hätte er dafür ins Gesicht geschlagen. Patrick zündete sich eine Zigarette an.

„Aber er hat sich in den letzten Monaten sehr verändert. Ich meine, er war immer ein Freak... das sind wir irgendwie alle, oder? Aber er war... ich weiß nicht, er versuchte immer so verzweifelt, zu jemandem zu gehören, zu einer Person, zu einer Gruppe, zu Leuten, die in seinen Augen cool waren. Da fing er an, Drogen zu nehmen, und... und... er hat einfach... er wollte gar nicht hören, dass das gefährlich ist. Vielleicht habe ich es nicht stark genug versucht. Ich wollte ja, dass er vernünftig wird, aber vielleicht habe ich es nicht deutlich genug gemacht. Dabei hätte ich es gekonnt. Er hat immer zu uns aufgesehen. Er war so jung, und...“

„Hör auf damit“, sagte Adrian sanft, aber sein Ton warnte auch. „Gib dir nicht selbst die Schuld.“

„Das tue ich nicht.“

„Doch, das tust du. Das ist normal, aber nicht richtig. Du hast ihn nicht umgebracht. Du hast ihm nicht die Pillen in den Hals gedrückt. Es ist nicht deine Schuld“, sagte Adrian mit einem sehr sachlichen Unterton. Patrick schloss erneut die Augen und nickte.

„Ich weiß. Aber ich fühle mich so.“

Sie schwiegen, für eine lange Zeit, und hörten dem Atem des anderen zu. Adrian kniete noch immer vor dem Telefon, nackt und feucht und langsam auskühlend, Patrick auf der anderen Seite der Leitung, verzweifelt bemüht, nicht in Tränen auszubrechen. So hielten sie beide den Telefonhörer, als würde das Gerät sie vor dem Ertrinken retten. Nie zuvor hatte sich einer von ihnen so einsam, so allein gefühlt.

 

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