Joshua Dean


Part 8 – die letzte Reise

 

Vier Tage waren vergangen; vier Tage, in denen die Freunde mit tauben Gedanken durch ihr Leben gewandelt waren, das ihnen nun umso kostbarer schien. Zu heftig wurde einer aus ihrer Mitte gerissen, als dass irgendetwas seinen gewohnten Gang gehen konnte. Nun, so ganz stimmte das nun auch wieder nicht… denn obwohl Dennis gestorben war, obwohl sein kalter Leib im Badezimmer eine ganze Nacht lang unentdeckt geblieben war… die Welt drehte sich weiter. Gnadenlos, weiter und weiter und weiter.

Patrick hatte seine Wohnung, in der Dennis in dieser schrecklichen Nacht sein Leben ausgehaucht hatte, nicht mehr betreten. Er wohnte derweil bei seinem besten Freund Johnny. Er wusste, dass Johnny ihn in Ruhe lassen würde; anders als Adrian, der sich sehr sorgte und seinem Therapeuten einige Extrastunden beschert hatte. Patrick hatte so seine ganz eigene Art, mit dem Verlust umzugehen. Tagelang war er nicht gesehen worden, bis zu dem Gang, den er aus Respekt seinem toten Freund gegenüber nicht verweigern durfte.

Nun also wurde Dennis seiner letzten Ruhestätte überführt. Seine Freunde und Familie waren gekommen, um ihn zu begleiten; viele Menschen waren es nicht. Dennis´ Mutter weinte leise, aber tränenreich nach der kurzen Zeremonie.

„Du warst sein Freund“, schluchzte sie an Patricks Schulter. Er stand da wie ein Stein.

„Er hat immer so nett von dir gesprochen, ich bin so froh, dass er das noch erleben konnte... eine wahre Freundschaft...“

Mr Brightman zog seine Frau von Patrick fort und entschuldigte sich mit einer stummen Geste. Patrick wischte sich mit einer Hand über die müden Augen, als Jules zu ihm trat.

„Was für ein verlogener Horror“, murmelte er. „Als ob irgendjemand hier sich wirklich um ihn geschert hätte.“

Patrick schoss einen Blick direkt in Jules´ eisblaue Augen.

„Hör auf, so zu reden“, zischte er, „wir haben ihn alle gemocht, oder etwa nicht?“

Sie gingen weiter zum Haus der Brightmans, wo die Beerdigungsfeier fortgesetzt werden sollte. Jules zuckte mit den Schultern und zündete sich ungerührt eine Zigarette an. Er übersah Adrian, der auf der anderen Seite ging. Das Eis zwischen den Beiden wurde immer dicker. Julian stieß langsam den Rauch aus und hob die Augenbrauen.

„Klar. Er war ein unglaublicher Kracher, immer gut für einen blöden Witz.“

„Du...“

„Hör einfach nicht hin“, unterbrach Adrian, den Jules offenbar in diesem Moment erst wahr nahm. Er hob den Blick und prallte auf eine Wand in blauen Augen. Mit einem herausfordernden Blitzen im Gesicht nahm Adrian Patricks Hand. Er hielt Julians kaltem Blick stand, als er sagte:

„Offensichtlich passt tatsächlich nicht genug Anstand in einen Gartenzwerg.“

Jules schnaubte und ging von ihnen fort. Adrian wollte Patricks Hand eigentlich loslassen, doch zu seiner Überraschung wurde sie festgehalten.

„Danke“, sagte Patrick. „Ich wusste nicht, wie ich das durchstehen sollte.“

„Er ist nicht bei Sinnen“, sagte Adrian leise, „mit Sicherheit ist er genauso schockiert wie wir alle...“

„Ich meinte gar nicht ihn.“ Patrick bemerkte, dass sie beide es vermieden, Julian beim Namen zu nennen. Als ob der Name an sich etwas zerstören würde. Oder Unheil brächte. Der, dessen Name nicht genannt werden darf. Weil er sich allein dadurch in Dinge hineindrängte, in denen er nichts zu suchen hatte. Patrick Daumen fuhr ungewollt über die Hand des anderen Mannes.

„Ich meinte das alles hier. Dennis´ Tod. Die Beerdigung. Seine Eltern. Und das Wissen, dass...“ Er zögerte, verlangsamte sogar seinen Schritt. Niemand hörte ihnen zu.

„Das Wissen, dass ich ihn trotzdem hätte retten können“, beendete Patrick schließlich seinen Satz. Er sah zu Boden; der feine Kies knirschte unter seinen vornehmen Schuhen, und mit jedem Schritt brach sein Herz ein wenig mehr. Krachte, klirrte und vernarbte und wusste nicht mehr, was es glauben sollte. Er spürte Adrian mehr neben sich hergehen als dass er ihn sah, aber Patrick war endlos froh, dass er da war.

„Ich habe dir gesagt, dass das Blödsinn ist, und das weißt du auch“, sagte Adrian ruhig. Noch immer hielten sie sich an den Händen. „Niemand hätte ihn retten können, nur er selbst. Ich habe ihn nur ein Mal gesehen, aber nach dem, was ihr mir über ihn erzählt habt, hat er auf niemanden gehört und wollte das auch gar nicht.“

Patrick nickte. „Ja, ich weiß. Aber trotzdem; ich frage mich halt, was gewesen wäre, wenn in der Nacht einer von uns auf Toilette gegangen wäre oder so... wie auch immer.“

Sie schwiegen. Es war ein kurzer Weg vom Friedhof zu ihren Autos. Patrick stieg in seines ein, begleitet von seinen Freunden Adrian und Johnny. Als Patrick den Motor startete, sprach niemand. Es war einfach nicht der richtige Augenblick, um etwas zu sagen.

Kaum hatten die Gäste ihre Plätze im Salon der Brightmans eingenommen, stand Dennis´ Mutter auf. Sie räusperte sich ein paar Mal, und den Anwesenden wurde klar, dass sie eine Rede halten wollte. Jules verdrehte die Augen und wandte sich ab.

„Mein einziger Sohn wurde heute zu Grabe getragen. Wie ihr alle wisst, war er sechsundzwanzig Jahre alt, und er hatte noch sein ganzes Leben vor sich. Aber er soll nicht umsonst gestorben sein. Sein Tod soll als Zeichen dienen für all die jungen Leute und überhaupt für jeden. Ein Zeichen und ein Hinweis, nicht allzu sorglos mit dem Leben umzugehen. Wir sollen jeden Tag schätzen. Dennis hat das getan. Er hat jeden Tag geschätzt, als könnte es sein letzter sein, und er war ein freundlicher und fröhlicher junger Mann. Lasst uns immer daran denken.“ Sie schluchzte, räusperte sich erneut und fuhr fort.

„Dennis würde nicht wollen, dass wir weinen“, sagte sie mit bebender Stimme. „Er würde wollen, dass wir fröhlich sind, und glücklich, so wie er es für alle Menschen auf der Welt wollte. Er würde wollen, dass wir lächeln. Genauso, wie er es tat, jeden Tag seines viel zu kurzen Lebens.“

„Yeah, mit den bunten Pillchen in seinem hohlen Schädel konnte er fast sogar im Kreis grinsen!“

Klar und deutlich hallte Julians Stimme durch den Salon und hing träge in der Luft. Die Gäste starrten ihn ausnahmslos an, und man hätte gern das gehässige Echo weggewischt. Aber Jules hob bloß die Hände und sagte:

„Was denn? Genau so war´s! Warum heult ihr rum? Er war ein verschissener Junkie, und das hat ihn zur Strecke gebracht. Nichts weiter.“

„Wie kannst du es nur wagen, so zu reden?“

Die Stimme zischte durch die vibrierende Stille. Adrian stand; er wusste nicht mehr, wie er aufgesprungen war, sein Gesicht weiß vor Zorn, seine Augen brannten. Es kümmerte ihn nicht – oder er bemerkte nicht – dass alle nun ihn anstarrten. Patrick stand neben ihm und berührte ihn leicht an der Schulter, aber Adrian wischte seine Hand weg. Jules lächelte nur und erhob sich ebenfalls. Langsam, fast elegant machte er einen kleinen Schritt auf Adrian zu.

„Kanntest du ihn? Länger als fünf Minuten? Dann wird dir aufgefallen sein, wie er drauf war. Er hat sich Drogen eingeschmissen, je mehr, desto besser. Er war ein unverbesserlicher Idiot, der anderen liebend gern die Füße geleckt hätte für irgendeine Art von Freundschaft. Und du tust immer noch so, als sei er ein Geschenk für die Menschheit gewesen? Lästig war er, dumm war er, und absolut lebensunfähig. Er ist jetzt besser dran, glaub mir. Möge Gott ihn segnen... ich würd´s nicht tun.“

Dennis´ Mutter und seine Schwester brachen beide in Tränen aus. Johnny sah Julian angewidert an und schüttelte den Kopf.

„Das war echt nicht nötig, Mann“, brummte er. In einer sehr flüssigen Bewegung drehte sich Jules um und nahm sein Glas auf. Er nahm einen Schluck und zündete sich eine Zigarette an.

„Fein, dann kannst du ja mit all den Heuchlern hier Streuselkuchen fressen. Ich kümmer mich lieber um die Bar.“

„HALT DOCH ENDLICH DEIN MAUL!“

Niemand sah, wie es passierte, so schnell stürzte Adrian vor und hatte Jules am Kragen. Einige Gäste kreischten auf und wichen von der Szene zurück. Adrian schüttelte den kleineren Mann und schrie ihm ins Gesicht.

„Kannst du nicht einfach mal normal sein, für einen einzigen Moment? Hier ist ein Mensch gestorben!... und du kannst nicht einmal einen Funken Respekt aufbringen, du schaffst es nicht einmal, so zu tun, als würdest du Dennis die letzte Ehre erweisen! Was willst du dann hier? Was für ein Mann bist du eigentlich?“

Patrick packte Adrian am Ärmel, noch bevor Johnny es ihm gleichtun konnte.

„Lass uns gehen... komm schon, lass uns einfach gehen...“

Adrian stieß Jules von sich, der stolperte und fiel in einen Sessel. Da Adrian nun über ihm stand, blickte er hasserfüllt auf Julian hinab.

„Ich wusste von ersten Augenblick an, dass du nichts taugst“, brachte er leise hervor. Er spürte, wie jemand an seinem Ärmel zog. Patrick. Adrian sah auf und presste die Lippen zusammen.

„Na komm“, sagte Patrick leise; mehr nicht. Von den anderen Gästen beobachtet, geleiteten Patrick und Johnny Adrian in ihrer Mitte hinaus zum Auto. Schweigend fuhren sie fort. Adrian starrte wütend aus dem Fenster.

 

„Es ist so unfair“, erklärte er später, als die drei Freunde gemeinsam in Johnnys Wohnzimmer saßen. Adrian versuchte, seine Teetasse ruhig zu halten. Seine Hände zitterten noch immer.

„Ich meine, wie konnte er denn diese Dinge sagen? Was ist nur in ihn gefahren, wie kann man sowas denn machen?“

„Er kannte Dennis halt“, antwortete Johnny. Patrick seufzte und legte vorsichtig einen Arm um Adrians Schultern. Er wehrte sich nicht.

„Alles, was er sagte, war die Wahrheit“, fuhr Johnny fort, als habe er diese Geste nicht gesehen. „Dennis war ein Spinner, der auf niemanden hören wollte. Und er hat auch wirklich so viele Drogen genommen, wie er nur kriegen konnte. Wenn man es genau nimmt, hat er Selbstmord auf Raten begangen, und eigentlich wusste er das auch. Oder hätte es wissen sollen.“

Adrian starrte Johnny verstört an. „Wie kannst du diesen Menschen auch noch verteidigen? Es ist doch völlig egal, ob es die Wahrheit war oder nicht, er hat das auf seiner Beerdigung gegrölt! Hätte Dennis sich verteidigen können, würde ich ja nichts sagen, aber der Junge ist tot!“

„Ich verteidige ganz sicher nicht, was Jules gemacht hat“, sagte Johnny und goss sich Tee ein. „Aber er hatte Recht, man kann es drehen wie man will. Es war so. Und es stimmt, Dennis kann sich jetzt nicht mehr wehren. Jules hat ihm aber all diese Sachen auch ins Gesicht gesagt. Und da hat Dennis sich auch nichts von angenommen.“

„Das macht man trotzdem nicht“, beharrte Adrian, „das war respektlos. Dieser Mann weiß einfach nicht, wie man sich benimmt. Wie kannst du da so ruhig bleiben?“

„Oh, ich schätze, es zeugt von besonders gutem Benehmen, jemanden auf einer Beerdigungsfeier anzuschreien und an der Gurgel zu packen“, warf Johnny trocken ein. Adrian hatte schon Luft geholt, als Patrick ihn unterbrach.

„Schluss jetzt, alle beide. Dennis ist tot, und nichts wird ihn zurück bringen. Es kümmert ihn nicht mehr, was geredet wird. Und... ich bin sicher, er hätte vieles gewollt, aber nicht, dass wir uns zerfetzen. Vor allem nicht wegen Julian.“

Das erinnerte sie alle an die Worte, die Dennis´ Mutter gesagt hatte. Sie schwiegen für eine Weile, und es war, als atmete die Erde mit ihnen aus und ein. Dann brach Johnny die Stille als erster. Er sah Adrian verschlagen an, grinste und sagte:

„Du hast die Party ruiniert, weißt du das eigentlich?“

 

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