Joshua Dean


Part 9 – Lange Schatten

 

„Okay, ihr kennt eure Positionen? Bonnie, Eric, ihr beide zuerst. Ich nach euch. Adrian, du bist der letzte, der auf der Bühne erscheint, der Knüller sozusagen. Ich hoffe, sie haben die Anweisungen fürs Licht verstanden und richtig umgesetzt. Sonst wirkt das alles nicht. Während der Probe hat das noch nicht ganz so geklappt, und ich möchte, dass es...“

„Perfekt wird, wissen wir“, sagte Bonnie. Sie lächelte Dylan an und berührte ihn leicht am Oberarm.  „Wir wissen, was wir zu tun haben. Vertrau deiner Band, Dylan“, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu. Dylan fuhr mit den Fingern durch sein glattes, blondes Haar. Das machte er immer, wenn er sehr nervös war. Dann klopfte er Adrian auf die Schulter.

„Wie geht’s deiner Stimme, Kumpel, alles im grünen Bereich?“

„Es könnte nicht besser sein“, sagte Adrian und zwang sich zu einem entspannten Lächeln. In Wirklichkeit fühlte er sich grauenvoll, die Nervosität schnürte ihm fast die Luft ab und drehte Loopings in seinem Magen. Adrian hatte Patrick ein paar Freikarten für die Show gegeben, und Mr. Casey hatte versprochen, zu kommen. Und obwohl Adrian schon vor Patrick gesungen hatte (Kunststück, wo sie sich bei einem Konzert seiner Band kennen gelernt hatten), fühlte er sich genauso furchtbar wie an dem Tag, an dem er zum ersten Mal eine Bühne bestiegen hatte. Er zitterte schrecklich und musste sich arg zusammen nehmen, damit ihm nicht sintflutartig der Schweiß ausbrach.

„Ich brauche ein paar Minuten allein“, verlangte er. Dylan starrte ihn an.

„Dare, in einer Viertelstunde geht’s los! Hätte dir das nicht früher einfallen können, du kannst doch jetzt nicht...“

„Ich muss“, sagte Adrian sehr sanft. Die Tonlage wirkte immer. „Ich will, dass es perfekt wird.“

Ohne eine weitere Erklärung nahm Adrian seine Teetasse und verschwand im Waschraum. Er trank seinen Tee in kleinen Schlucken und summte ein wenig, aber er konnte sich nicht konzentrieren. War er schon da? Draußen im Publikum, die Augen erwartungsvoll auf die noch dunkle Bühne gerichtet, und wartete er?

Vielleicht, so dachte Adrian erschrocken, vielleicht hatte Patrick aber auch nur gesagt, dass er käme, damit Adrian Ruhe gab. Vielleicht wollte er ja lieber mit Jules zusammen sein. Adrian wollte lieber nicht darüber nachdenken. Der hübsche Fremde. Er störte Adrian, auch wenn es nicht den geringsten Anlass dazu gab. Was er und Patrick hatten, war - Freundschaft. Eigentlich noch viel weniger als das. Patrick fragte Adrian hin und wieder, ob sie zusammen etwas unternehmen sollten, DVD gucken, ins Kino gehen, chinesisch essen, was man eben unter Bekannten so macht. Man konnte diese Dinge auch als Freunde tun, keine Frage. Und, wenn Adrian weiter dachte (wobei er diesen Gedanken nicht bewusst zuließ) , machte man genau diese Art von Sachen, wenn man jemanden kennen lernen wollte. Jemandem näher kommen wollte. Vielleicht.

Adrian hatte noch immer keine Ahnung, was Patrick Casey von ihm wollte. Man sagte zwar über ihn, dass er sich durch die Gegend vögelte, aber abgesehen von dem allerersten Abend, den sie geteilt hatten, hatte Patrick nie wieder versucht, Adrian zu irgendetwas rumzukriegen. Das war es also nicht. Adrian verstand es nicht. Manchmal hatte Patrick diesen ganz bestimmten Ausdruck in den Augen, wenn er Adrian ansah, gerade so, als habe er noch nie etwas Schöneres in seinem ganzen Leben gesehen. Aber dann wiederum verhielt er sich wie ein guter Kumpel; er machte Witze, lehnte Einladungen ab, die ihm zu intim waren, schlug auf Adrians Schulter, wie Dan es tat. Es war verwirrend, und Adrian hatte nicht den Wunsch, seine Gefühle noch länger zu verheimlichen. Aber eigentlich war es zu gefährlich. Er hatte keine Ahnung, wie Patrick die ganze Sache bewertete, denn einmal abgesehen von dem betrunkenen Kuss auf der Party vor mehr als zwei Wochen, hatte er keinerlei Anstalten gemacht, ihm, Adrian, näher zu kommen. Und vielleicht, so dachte Adrian mit einigem Grauen, vielleicht spielte Pat auch nur mit ihm… wer konnte das denn wissen?

Der Sänger erwachte aus seinem Tagtraum und realisierte, dass beinahe zehn Minuten ergangen waren, ohne dass er es bemerkt hätte. Er rutschte vom Klodeckel herunter und ging zurück zu den anderen. Besser fühlte er sich nicht.

 

Nur Minuten später spielte Dylan das Standard-Intro von Slowmotion Daylight. Er war der Meinung, dass eine kleine Cover-Band eine Art Erkennungsmelodie haben sollte, und so spielten sie zu Anfang immer das gleiche Instrumentalstück, das Dan eigens zu diesem Zweck komponiert hatte. Es war außerdem perfekt auf die Dramaturgie der Band abgestimmt, und auf die Reihenfolge, in der sie die Bühne stets betraten. Adrian kam als Letzter dazu, er hatte den „Star Auftritt“. Als sein Teil des Intros kam, schlich er über die noch dunkle Bühne und nahm seinen Platz hinter dem Mikro ein. Langsam, aber unaufhörlich floss das Intro in einen bekannten Song ein. Plötzlich flammte der Spot auf, badete Adrian in weißem Licht, und er ergriff den Mikrofonständer. Mit geschlossenen Augen tauchte er in Dylans Gitarrensolo ab, dann kickte er mit dem Bass und begann.

„Sucker love is heaven sent

You pucker up our passion´s spent…”

Er war wieder wo er hingehörte. Er spürte die Wärme der Scheinwerfer auf seiner Haut, fühlte die vibrierende Spannung des Publikums. Das waren die Minuten die er am meisten liebte. Der Anfang, wenn es derb daneben gehen konnte, oder aber grandios werden würde. Es gab nur diese beiden Möglichkeiten; und die Angst vor dem Desaster ließ Adrian jedes Mal zur Höchstform auflaufen. Er hörte das begeisterte Rauschen und entspannte sich ein wenig. Das Monster in seinem Bauch beruhigte sich, und er wagte es, die Augen zu öffnen. Sein Blick traf auf den von Patrick, der gleich vor der Bühne stand. Und er lächelte.

 

Als Adrian die Bühne verließ, applaudierte das Publikum noch immer und verlangte nach einer Zugabe. Nach ein paar Minuten gewährte die Band ihnen den Wunsch und kam zurück auf die Bühne. Adrian lächelte das Publikum an, hob wie zum Gruße seine Teetasse an und sah Patrick direkt in die Augen.

„Also sollen wir weiter machen?“, fragte er leise. Das Publikum jubelte als Zustimmung, aber das war Adrian nicht genug.

„Ich fragte, SOLLEN WIR WEITER MACHEN?“

Das Publikum flippte völlig aus, und Adrian nickte, nun scheinbar zufrieden. Er nahm einen Schluck Tee und wartete, bis die Menge sich beruhigt hatte. Er grinste.

„Aber ich will, dass ihr mir helft.“

Und er begann mit dem Falsetto aus „The Lion Sleeps Tonight“. Das Publikum applaudierte und lachte fröhlich, dann sangen fast alle mit.

 

„Ah, das war fantastisch! Wirklich, ich habe diese Show sehr genossen, so eine wundervolle, wundervolle Darbietung!“

Adrian war kaum von der Bühne geklettert, als er sich auch schon einer Frau mit dunkelrotem Haar und französischem Akzent gegenüber sah. Er war zu verwirrt, um ihr zu antworten, und suchte mit den Augen nach Patrick, der bereits an der Bar stand und ein paar Drinks für sie bestellt hatte. Adrian lächelte, als er sah dass Pat ihm einen Kaffee besorgt hatte; und das Lächeln stürzte rasch in die Tiefe, als er den gutaussehenden jungen Mann bemerkte, der Patrick begleitete. Dieser Mann lachte breit, und Adrian wusste nicht genau, ob er diese unglaublichen Lippen küssen oder schlagen sollte.

„Nicht schlecht, Nachtigall, nicht schlecht, wirklich“, lallte Jules. Er griff mit der linken Hand zu seinem Wodka-Lemon; sein rechter Arm ruhte auf Patricks Hüfte. Adrian spürte einen tiefen Stich, der offenbar quer durch seinen Körper rammte, und er wurde wütend, obwohl er es nicht wollte.

Wie kann dieser Bastard es wagen…

„Oh, uhm, danke. Ich hab dafür geprobt, weißt du.“

Adrian lächelte sogar ein wenig und freute sich über den eiskalten Ton seiner Stimme. Bastard. Er wechselte einen kurzen Blick mit Patrick und nahm einen Schluck Kaffee. Er wollte sich von Jules abwenden, doch der tat etwas, womit Adrian überhaupt nicht gerechnet hatte; er hielt ihn fest, sanfter als Adrian es sich jemals hätte vorstellen können.

„Du bist ganz schön talentiert, Nachtigall“; sagte Julian, „hast du noch andere verborgene Talente?“

Und ohne jede Warnung lehnte er sich vor und küsste Adrian atemlos. Adrian versuchte, Jules von sich zu stoßen, aber der kleinere Mann war zu fordernd. Seine Lippen waren der Himmel, noch zarter als Adrian erwartet hätte, aber der Kuss war im Gegensatz dazu fast hart. Plötzlich wurde Jules von Adrian weggezogen. Der Sänger öffnete seine Augen und fühlte sich wie verlassen. Erst in diesem Moment realisierte er, wie sehr er diesen Kuss genossen hatte. Er rieb mit dem Handrücken über seine Lippen, die von Julians Kuss fast brannten. Heftige Röte schoss ihm ins Gesicht, als er geradewegs in sehr bekannte grüne Augen sah.

„Genug jetzt“, brummte Patrick, „du hattest schon zu viel, Jules.“

Der Arm legte sich wieder um Patricks Hüfte. Julian grinste. „Ich hab ihn bloß geküsst, reg dich nicht auf“, sagte er augenzwinkernd. Patrick seufzte.

„Wodka. Zu viel Wodka, Jules.“

„Kein Problem. Ich gebe dir etwas davon ab.“

Der kleinere Mann lehnte sich hinüber und küsste Patrick, aber dieser Kuss war anders. Während er Adrian beinahe zu dem Kuss gezwungen hatte, war der zwischen Mr. Beautiful und Patrick so sanft, so unglaublich vorsichtig, als habe Jules Angst, Patrick zu zerbrechen. Die beiden Männer küssten sich zärtlich und schienen den Kuss nicht allzu bald beenden zu wollen. Adrian konnte diesen Anblick nicht ertragen und wandte sich ab. Dabei stieß er fast mit der rothaarigen Frau zusammen, die ihm direkt nach dem Auftritt schon an der Seite geklebt hatte.

„Oh, der Sänger wieder... vielen Dank für die wundervolle Show. Ich hatte noch nicht Zeit, mit Ihnen zu sprechen... sind diese Freunde von Ihnen?“

„Da... was? Oh!“ Adrians Augen huschten zu Jules und Patrick, die sich gerade erst voneinander lösten. Er nickte.

„Ja, also... einer von denen.“

„Interessante Leute, sind sie“, sagte die junge Frau. Dylan erschien mit zwei Drinks und strahlte. Er gab eines der Gläser der jungen Frau und sagte:

„Oh, ihr habt euch schon kennen gelernt. Adrian, das ist Miriam, eine Freundin aus Frankreich, und Miriam, das ist...“

„Adrian Taylor, der Sänger“, sagte sie. Ihr Akzent war wie Musik, und ihr Lächeln war faszinierend. Sie schüttelte Adrians Hand und war offensichtlich verwirrt, dass er ihren Handrücken nicht küsste.

„Es freut mich, Sie kennen zu lernen“, murmelte Adrian, sein Blick immer noch an Jules´ Hand geheftet, die gefährlich nahe an Patricks Gürtel ruhte.

„Es ist mir eine Freude, Adrian“, schnurrte Miriam, aber Adrian achtete nicht weiter auf sie. Seine Augen hatten Johnny gefunden, der unschlüssig umher blickte, ohne jemand Bekanntes auszumachen. Ein kleines Lächeln huschte über Adrians Gesicht.

„Ich sage eben einem Freund Hallo“, rief Adrian. Er grinste.

„Bin sofort zurück!“

Er winkte Johnny zu und pfiff. „John... hey Johnny... hi!“

Johnny lächelte, als er Adrian in der Menge erkannte.

„Oh, hi Adrian, tolle Show! Hast du Patrick gesehen?“

Adrian zeigte mit dem Daumen hinter sich.

„Da“, sagte er, mehr nicht. Dem Ausdruck auf Johnnys Gesicht nach zu schließen, gefiel ihm auch nicht, was er sah.

„Ist das auch ein Freund von dir?“

Die hübsche Frau war wieder da. Johnnys Augen leuchteten auf. Er küsste ihre Hand und sagte:

„In der Tat, meine Dame, der Künstler und ich sind befreundet... darf ich mich vorstellen? Ich bin John Winston, Netzwerkadministrator aus Melbourne.“

Miriam lächelte. Sie war eine schöne, stolze Frau.

„Angenehm“, hauchte sie. Sie schoss einen kurzen Blick in Richtung Adrian und vergaß sogleich, dass er existierte.

„Mein Name ist Miriam DeGauche, und ich bin aus Marseille. Ich bin in Urlaub hier in Australien, und es ist wundervoll!“

„Oh, findest du?“, fragte Johnny. Er setzte sich neben Miriam an die Bar und wandte sich der jungen Frau zu. „Ich wünschte ich könnte Frankreich besuchen. Ich war noch nie in Europa... erzählst du mir ein bisschen darüber?“

Miriam lächelte.

„Nun, es ist wunderschön, ganz anders, es gibt sehr viele Pflanzen, und...“

Sie merkten gar nicht, wie die Zeit verging.

Nach einer halben Stunde bemerkte Adrian, wie jemand seinen Arm berührte. Patrick.

„Hey“, sagte er sanft. „Wo warst du denn?“

„Ich hab mit meinen Freunden geredet“, antwortete Adrian. Du warst ja damit beschäftigt, Mr. Beautiful zu knutschen, erinnerst du dich?

Er wollte es sagen, aber er presste die Lippen aufeinander. Das war es nicht wert.

„Naja, also ich werde jetzt wohl nach Hause gehen, ich bin ziemlich müde...“

Wer will das wissen, komm, nimm den Bastard einfach mit und fick ihn, als gäbe es kein Morgen!

Adrian seufzte. Er hasste diese Stimme in sich, die nicht wie seine war; diese andere Stimme war erbarmungslos und hart und passte eigentlich gar nicht zu ihm, aber sie sprach, und sie ließ es sich nicht verbieten.

„Warum sagst du dann mir Bescheid?“

Patrick hob die Schultern.

„Ich dachte... naja, vielleicht möchtest du ja mit uns kommen, ich meine... du und ich und Johnny, wir könnten noch in Ruhe ein Bier trinken, oder...“

„Ich glaube nicht, dass Johnny heute Nacht besonders scharf auf Bier ist“, bemerkte Adrian trocken und wies in die Richtung, in der Johnny und Miriam saßen. Johnnys linke Hand lag auf ihrem Knie, und es sah ganz danach aus, als genossen sie ihre Unterhaltung sehr. Miriam lachte auf, ruhig und sehr anziehend, und warf ihr Haar zurück. Es war nicht zu übersehen dass sie flirtete, und Johnny war ihr hemmungslos verfallen. Es war ganz offensichtlich, was heute Nacht noch passieren würde, und Patrick seufzte. Er kannte seinen Freund gut genug, um genau zu wissen, was das alles bedeutete.

Oh... sieht so aus, als müsste ich heute Nacht woanders schlafen...“

Und noch bevor Patrick auch nur darüber nachdenken konnte, sagte Adrian:

„Du kannst bei mir bleiben, wenn du möchtest.“

Er mochte den ruhigen und sicheren Ton in seiner Stimme. Perfekt wie immer, obwohl sein Herz brutal gegen seine Rippen hämmerte. Das kannte Adrian nicht. Es schien ausbrechen zu wollen, es wollte frei sein, und Adrian starrte Patrick abwartend an, der über dieses Angebot nachdachte und schließlich zustimmte.

„Ja, sicher, das ist cool... danke!“

„Sollen wir dann gleich gehen?“, fragte Adrian, der nun ein bisschen nervös wurde. Er wusste nicht warum, aber er wollte nicht, dass Patrick sich doch noch anders entschied. Aber sehr zu seiner Erleichterung nickte Patrick sofort.

„Ja, wenn es okay für dich ist. Ich bin total müde.“

„Ja, ich auch“, antwortete Adrian. Er trank seinen Kaffee aus und nahm Patricks Hand.

Jetzt gehörst du mir... und wenn es nur in meinem Kopf ist, aber heute Nacht bist du mein.

Er lächelte.

„Lass uns gehen. Ich wohne ganz in der Nähe.“

 

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